Urbaner Stress: Kann Stadtleben gesundheitsschädlich sein?

Chronischer Stress ist ein entscheidender gesundheitsrelevanter Faktor, der uns langfristig krank machen kann. Das neue Forschungsgebiet der Neurourbanistik stellt die Frage, ob das Leben in urbanen Räumen ein dauerhafter Stressfaktor für uns Menschen ist – und wie man das ändern kann. Der Berliner Psychiater Mazda Adli erläutert den Sachverhalt in einem Interview mit der Immobilienzeitung.

Das Leben in der Stadt ist enger, dichter und lauter; es birgt ein hohes Potenzial für Stress. Das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum führt in erster Linie zu sozialem Stress, welcher in zwei verschiedenen Formen auftritt: Dichtestress, welcher aus Beengungsgefühlen entsteht, und Isolationsstress infolge von Einsamkeit, die mit der großstadttypischen Anonymität einhergehen kann. Dass beide Formen gesundheitsrelevant sind, sei längst bekannt, so Adli, jedoch seien sie im urbanen Zusammenhang noch wenig untersucht.

Ebenso sei erwiesen, dass Stadtbewohnende ein deutlich höheres Risiko für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie tragen. Adli möchte die psychischen Auswirkungen der Stadt auf den Menschen nun genauer erforschen. Um das komplexe Thema möglichst gründlich zu beleuchten, sei eine Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen erforderlich – etwa Medizin, Stadtplanung, Geografie, Sozialwissenschaften, Philosophie und Biodiversitätsforschung.

Die Stressrisiken, welche das urbane Leben mit sich bringt, lassen sich durch effektive Maßnahmen und vorausschauende Planung verringern. Dichtestress wird vor allem durch mangelnde Privatsphäre verursacht. Was das bedeutet, ist individuell. Es braucht nicht zwingend eine große Fläche, damit wir uns entspannen können. Durch ein individuell passendes Wohnumfeld oder durch Schutzmaßnahmen gegen Verkehrs- und Nachbarschaftslärm kann Dichtestress vermindert werden.

Das Risiko für Isolationsstress ist in Stadträumen besonders hoch. Viele Menschen leben allein und das gesellschaftliche Zusammenleben gestaltet sich anonym. Auch die Effekte der Pandemie sind spürbar: ein Drittel der deutschen Bevölkerung bezeichnet sich heute als einsam; vor der Pandemie waren es 15 Prozent. Um dem entgegenzuwirken, braucht es laut Mazda Adli soziale Räume, Verweilzonen und Gründe, die Wohnung zu verlassen.

Maßnahmen für die menschliche Psyche mitzudenken, sei Aufgabe der Stadt- und Projektentwicklung. Man müsse die emotionalen Bedürfnisse der Menschen mitdenken. Hier kommt es zu einem Interessenkonflikt mit der Nachverdichtung als flächenschonendere Zukunftsperspektive für den Städtebau. Soziale, öffentliche und grüne Räume brauchen Platz; Dichte begünstigt Stress.

Adli betont ebenfalls Vorteile des Stadtlebens: Kultur, Gesundheitsversorgung, persönlich Entfaltung. Um diese Privilegien nutzen zu können, sei es wichtig, die Stadt für möglichst viele Menschen zu einem qualitativen Lebensraum auszugestalten.

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[Kristina Pezzei (Immobilienzeitung); 08.01.2026; „“Wir wollen uns des Territoriums sicher sein““]